Ein Hund aus dem Ausland – sind diese Hunde anders?

Ein Hund aus dem Ausland – sind diese Hunde anders?

Wie oft hört man Äußerungen, Hunde aus dem Ausland sind anders. Ich habe Hundeerfahrung, doch mit diesem Hund komme ich nicht klar. Mein Streuner knurrt das Kind an oder auch mich…… Solche und ähnliche Aussagen sind nicht unbekannt.

Zuerst die Frage, was ist Hundeerfahrung? Ist das die Erfahrung, die ich mit einem Hund gemacht habe, bei dem sämtliche für einen Hund typischen Verhaltensweisen wie Ausdruck und Körpersprache kaum noch vorhanden sind, weg gezüchtet wurden? Ist das die Erfahrung, die ich mit einem Hund gemacht habe, der nie auf sich alleine gestellt war? Der nie unter Hunger und Durst litt? Der sich nie durchsetzen musste um zu überleben? Der nie verfolgt, verjagt vielleicht sogar gequält oder misshandelt wurde?

Auch ich habe mir einmal eingebildet, Hundeerfahrung zu haben, hatte ich doch Hunde seit meinem 8. Lebensjahr (inzwischen seit über 50 Jahren!) und nie gab es Probleme bei der Erziehung, nie stellte ein Hund mich in Frage, alle liefen sie beim Gassi gehen frei und vor meiner „Streunerzeit“ erinnere ich mich nicht an eine einzige Situation, in der ich meine Hunde nicht im Griff hatte oder dass diese „eigene Entscheidungen“ trafen. Wer einen Hund nicht erziehen kann, ist unfähig, ja, so dachte ich tatsächlich…….

Dann zog mit Jenny, die leider bereits über die Regenbogenbrücke gegangen ist, Streuner Nr. 1 bei uns ein. Ich würde Jenny als untypischen Streuner bezeichnen, denn sie war ein absolut cooles, souveränes, cleveres, selbstsicheres Streunermädel und im Nachhinein behaupte ich, Jenny war mir weit überlegen, sie war ein Traum und sie führte über die Jahre ein 6-köpfiges Streunerrudel sicher an und stellte aber gleichzeitig mich nie in Frage. Sie übernahm sofort, wenn ich gar nicht begriffen hatte, dass es hier etwas zu regeln gab, das habe ich jedoch erst viel später begriffen. Jenny, ein Dackelmix, wo ich doch nie einen Dackel wollte……., war mein absoluter Herzenshund und ich werde sie nie vergessen.

Streunermädel Milka zog bei uns ein, erst als Pflegi, doch schnell war klar, dass sie Hund Nr. 4 war und bei uns bleiben würde. Erst bei Milka wurde mir klar, wie viele Fehler ich bei der Erziehung meiner Hunde schon immer gemacht hatte. Nur bei denen wurde das nie zum Problem, auch bei der souveränen Jenny nicht, aber bei der sehr unsicheren Milka. Sehr schnell begriff ich, dass ich meinen Hund, den ich über alles liebte, nicht wirklich verstand, ihn nicht „lesen“ konnte, menschlich dachte und von wirklicher Hundeerziehung keine Ahnung hatte, meinen sowieso schon unsicheren Hund in vielen Situationen im Regen stehen ließ, unbewusst noch mehr verunsicherte und das ist nun etwa 12 Jahre her…..

Hunde in Rumänien leben nicht eingebunden in eine Familie, umsorgt, betreut. Selbst wenn sie zu einer Familie gehören, leben sie trotzdem mehr oder weniger frei oder auch angekettet und in Rumänien macht sich niemand Gedanken, wie man einen Hund richtig erzieht, ihn beschäftigt oder auslastet. Die Hunde in Rumänien leben meist „bei“ Menschen, nicht „mit“ Menschen. Sie suchen die menschliche Nähe, weil die Nahrungsbeschaffung einfacher ist. Sie sind vorsichtig, weil die Menschen unberechenbar sind, wenige wollen ihnen gut, die meisten eher nicht. In einem bestimmten Gebiet gibt es eine bestimmte Anzahl von Hunden, die ein Rudel bilden und in diesem Rudel herrscht eine Rangordnung. Die Hunde kommen von den Grundstücken, wenn sie irgendwo hin gehören und ziehen miteinander durch die Gegend und kehren irgendwann wieder zurück. Die angeketteten Hofhunde verständigen sich durch Bellen mit den anderen. Jeder weiß, wo er hingehört und jeder weiß, wo sein Platz im Rudel ist. Genauso läuft es bei Hunden, die nirgends hingehören. Ein fremder Hund ist ein Eindringling, der wird meistens vertrieben, verfolgt, oft auch angegriffen.

Hier bereits der erste Irrtum – wir sind oft überrascht, verstehen nicht, warum sich unser Streuner, der doch in Rumänien mit Hunden gelebt hat, vor anderen Hunden fürchtet, meist vor mehreren Hunden, die sich auch kennen und regelmäßig gemeinsam Gassi gehen. Das ist nicht anders als bei den Hunden in Rumänien, die gemeinsam durch die Gegend ziehen. Unser Streuner trifft hier auf ein fremdes Rudel und das bedeutet für einen Einzelhund im Normalfall nur eines: Gefahr. Er gehört nicht zu diesem Rudel und versucht instinktiv zu flüchten. Hier bei uns kann er meistens nicht flüchten, weil er an der Leine ist, also bleibt ihm nur die Möglichkeit nach vorn zu gehen, in die Leine, zu drohen und zu bellen und dabei will er nur sagen, „bleib´ weg von mir, ich habe Angst“. Oft wird er dann noch ausgeschimpft oder als aggressiv bezeichnet, weil er absolut nicht verstanden wird und der Hund wiederum fühlt sich einfach nur im Stich gelassen. Bei dem einen Streuner kommt dieses Verhalten mehr durch, bei dem anderen weniger. Die hängt davon ab, wie er vorher gelebt und welche Erfahrungen er gemacht hat.

Genauso eine Situation habe ich vor Jahren mit meiner damals ca. 7 Monate alten Jenny erlebt, mit der ich in einem anderen Gebiet Gassi war als sonst üblich. Jenny tobte und spielte immer begeistert bei den täglichen Gassi-Runden mit den ihr vertrauten Hunden und sie freute ich immer, diese zu sehen. Nun kamen plötzlich drei Hunde übers Feld gelaufen, die sie nicht kannte. Diese waren in keiner Weise aggressiv, die tobten freudig miteinander und signalisierten auch keine böse Absichten. Was dies jedoch für Jenny bedeutete, war mir nicht bewusst. Sie rannte davon, reagierte auf nichts mehr, die anderen Hunde kläffend hinterher, sie rannte und rannte, über die Umgehungsstraße, die Autos standen und die drei Hunden rannten zwischen den Autos und meine Jenny war nirgends mehr zu sehen. Sie saß dann ganz verschüchtert und zitternd im Eingangsbereich einer Arztpraxis. Das größte Unglück hätte passieren können, noch heute bin ich froh, dass alles gut gegangen ist.

Damals habe ich ihr Verhalten nicht verstanden, hatte sie doch vorher nie Probleme mit anderen Hunden – das war MEINE Sicht. Aber Jenny dachte anders. Für sie waren das fremde Hunde, die auf sie zukamen, die sie nicht einschätzen konnte, die zudem noch als Rudel auftraten und instinktiv flüchtete sie, um sich in Sicherheit zu bringen. Ich hätte mich vor sie stellen und sie schützen müssen, den anderen Hunden signalisieren müssen, bis hier hin und nicht weiter, und Jenny hätte ich zeigen müssen, ich beschütze dich, ich regle hier und ich habe die Situation im Griff. Hinterher wusste ich das……….

Wenn euer Hund signalisiert, dass er den Kontakt zu einem anderen Hund nicht will, dass er sich vielleicht hinter euch versteckt bei Hundebegegnungen, zwingt ihn nicht dazu. Schützt euren Vierbeiner, dafür seid ihr zuständig und verantwortlich. Wehrt die anderen Hunde ab, die haben nicht unkontrolliert zu euch hin zu rennen und sagt den Haltern ganz deutlich, sie mögen ihre Hunde abrufen oder anleinen. Auf keinen Fall den eigenen Hund auf den Arm nehmen und noch trösten. Dadurch bestärkt man seine Unsicherheit noch. Ideal wäre, vielleicht gemeinsam mit den anderen Hundehaltern und deren Hunden ein Stück Gassi zu gehen, dass aber alle Hunde kontrolliert sind und sich so erst einmal durch Beobachtung und Blickkontakt kennenlernen können. Oft ergibt sich dann eine Gassi-Gruppe, die Hunde kennen sich und spielen und toben dann auch zusammen. Je vertrauter die Hunde miteinander sind, desto schöner ist es auch für die Hunde, weil sie sich einfach kennen und einschätzen können.

Ganz wichtig: Die jeweilige Situation aus Sicht des Hundes betrachten, dann versteht man auch sein Verhalten. Ein Hund denkt anders als wir Menschen!

Die meisten Hunde in Rumänien und in vielen anderen Ländern werden von Menschen mal mehr, mal weniger versorgt. Sie haben oft eine Aufgabe, z.B. als Wachhund auf einem Grundstück oder an einer Kette. Oft leben sie da als Einzelhund, wo sie ihre „sozialen Kontakte“ dann durch Bellen pflegen. Abends, nachts, wenn alles ruhig ist, hört man die Hunde von den einzelnen Grundstücken bellen, immer abwechselnd, als würden sie miteinander sprechen, was sie wahrscheinlich auch tun. Zu einem Hund haben die meisten Rumänen kaum eine Bindung, wie es in Deutschland üblich ist. Der Hund ist ein Gebrauchsgegenstand, oft ein Spielzeug für Kinder und wird bei Bedarf „entsorgt“, ausgetauscht. Ist der Hund krank, suchen die wenigsten einen Tierarzt auf. Viele töten ihn oder überlassen ihn irgendwo seinem Schicksal, manche liefern ihn auch in der nächsten Tötungsstation ab. So viele Hunde, die sogar auch einmal ein Zuhause hatte, alte Hunde, sitzen dort in Dreck und Lärm, verstehen die Welt nicht mehr und fristen ein trauriges Dasein. Die meisten werden irgendwann umgebracht.

Natürlich gibt es auch Rumänen, die sich um ihre Tiere kümmern und an ihnen hängen. Betrachtet man jedoch die Gesamtzahl der Hunde, ist das ein verschwindend geringer Teil.

Eins bleibt für alle Hunde gleich. Sie müssen sich von Anfang an durchsetzen um zu überleben!

Ein Streuner aus Rumänien hat nun das unbeschreibliche Glück und findet ein Zuhause. Wenn er bisher überhaupt ein Zuhause hatte, erwartet ihn nun auf jeden Fall ein Zuhause, das er in dieser Form so nie kennengelernt hatte. Wir soll dieser Hund nun begreifen, warum nun plötzlich alles anders ist? Dass er viele Stunden in einer Box eingesperrt ist und durch die Gegend gekarrt wird? Dass er nun in Deutschland ist, eine Familie hat, die sich über den süßen Welpen, den tollen Junghund oder den armen älteren Hund freut, ihm alles zu Füßen legt und dann noch meint, der Hund weiß nun, was er für ein Glück hatte und ist einfach nur dankbar? Wie soll er wissen, dass er nun versorgt ist und nichts mehr regeln muss? Wie soll er das alles verstehen?

Der Hund realisiert nur eines. Er hat alles verloren, was ihm bisher vertraut war. Er wurde aus allem herausgerissen, er sitzt nun in einem neuen Rudel, oft noch als Einzelhund, muss nun eng mit Menschen leben, bei denen er bisher aus gutem Grund auf Distanz ging, was auch eine große Herausforderung ist und der Hund muss sich von heute auf morgen komplett neu orientieren. Was tut er also? Er beobachtet, er versucht die neue Lebenssituation, das neue Rudel einzuschätzen und dann tut er genau das, was er gelernt hat. Er sucht seine Position in seinem neuen Rudel. Alles liegt für ihn bereit – Spielzeug, Futter, er wird gestreichelt und man freut sich, wenn er kommt, man findet es süß, wenn er gleich auf die Couch springt oder ins Bett, er macht sich mit Haus und Garten vertraut, ER erkundet seine neue Welt. ER testet aus, wie weit er gehen kann. Und da er sehr weit gehen kann und dafür noch bestätigt wird, fühlt es sich ganz toll, denn in Rumänien bedeutet dies eine der vorderen Positionen im Rudel . Die meisten Zweibeiner realisieren nicht, dass sie ihrem neuen vierbeinigen Familienmitglied alles selbst überlassen, dass sie ihm die Freiheit geben, alles zu erobern, zu entdecken und die Familie steht bewundernd daneben und schaut zu, statt ihn zu führen, zu begleiten und ihm Sicherheit in dieser neuen Welt zu geben. Viele machen sich nicht bewusst, dass die meisten Hunde mit dieser Situation restlos überfordert sind.

Hier wird bereits der Grundstein gelegt, dass das Zusammenleben schief laufen wird. Doch das liegt nicht am Hund, das liegt an UNS, denn der Hund tut nur das, was er gelernt hat und was wir lassen. Wir tun nichts oder nur sehr wenig um ihm zu zeigen, dass nun wir zuständig sind, dass wir entscheiden und bestimmen, dass wir gewähren (z.B. Futter, Streicheleinheiten, Spiel), dass er sich auf uns verlassen kann. Wir lassen ihm alle Freiheiten.

Plötzlich sind wir überrascht, dass der Hund plötzlich das Kind anknurrt, weil das Kind es wagt, ihm zu nahe zu kommen, irgendwo hin möchte, wo es dem Hund nicht gefällt, ihm vielleicht etwas wegnehmen möchte oder er stellt sich vor das Kind und „droht“, wenn sich jemand „seinem kleinen Rudelmitglied“ nähert. Warum verwundert dieses Verhalten? Er zeigt dem Kind doch nur auf, bis hier hin und nicht weiter und er beschützt sein Rudelmitglied vor anderen Rudelmitgliedern, Fremden oder Gefahren überhaupt. Er tut nichts anderes als das, was er auch im Rudel tun würde, wenn er in diesem Rudel die entsprechende vordere Position einnimmt. Wie soll er wissen, dass das nun in unseren Augen falsch ist? Bisher fanden wir doch auch alles toll, was er getan hat, haben ihn für sein selbständiges Verhalten noch bestärkt, haben ihm keine Grenzen aufgezeigt, ihn nicht geführt. Bisher waren wir oft noch stolz, wenn er das Kind bewacht und verteidigt hat, sah das doch so süß aus……. Und plötzlich finden wir es nun nicht mehr toll, wenn er droht und knurrt, obwohl er nichts anderes tut als vorher? Warum?

Gerade der Welpe oder Junghund spielt nicht nur aus Freude am Spiel. Spielen ist LERNEN FÜRS LEBEN, nichts anderes (genauso ist es bei den Menschenkindern) und nichts geschieht ohne Grund. Der Welpe wird zum Junghund, wird erwachsen und entsprechend ändert sich auch sein Verhalten. Ein 10-jähriges Kind setzt seine Forderungen auch anderes durch als ein Zweijähriges und bei einem Hund ist das nicht anders. Nun gehen die Kinder zurück, weil der Hund knurrt und schon hat er gelernt, wie er sich bei den Kindern durchsetzt bzw. diese auf Distanz hält. Nun sperren wir den Hund vielleicht weg, dass die Kinder in Ruhe spielen können mit dem Ergebnis, der Hund bellt und tobt im Nebenzimmer. Aus seiner Sicht wird er nun daran gehindert, auf seine Rudelmitglieder aufzupassen, schließlich sieht er das als seine Aufgabe. Wie haben ihm ja die ganze Zeit alles überlassen und dadurch gezeigt, dass wir das offensichtlich nicht können. Der Hund kläfft sich nun fast ins Koma, weil er zu seinem Rudel will und wir begreifen nichts, behaupten vielmehr, es liegt an dem Hund, der tickt einfach nicht richtig, typisch Hund aus dem Ausland….. Nein, es liegt an uns, denn wir haben ganz einschneidende Fehler gemacht. Der Hund tickt genau richtig!

In den Tierschutzprojekten, wo viele Hunde zusammenleben, ist keine Zeit, die Hunde auf die Familien vorzubereiten. Da muss man schon froh sein, wenn die Grundversorgung der Tiere gewährleistet ist. Dort gilt das Recht des Stärkeren, Schwächere werden untergebuttert, kommen oft auch kaum ans Futter und nicht selten werden sie gemobbt und auch getötet. Zieht nun ein niedrigeres Rudelmitglied bei seiner neuen Familie ein, muss man ihm zeigen, dass nun jemand da ist, der entscheidet, es beschützt und versorgt, dass es nun sicher ist und sich auf uns verlassen kann. Wir müssen ihm Mut machen und er bestärken, dass es sich etwas zutraut. Nicht in Watte packen, aber auch nicht überfordern.

Kommt nun ein Hund in die Familie, der gelernt hat sich durchzusetzen, der auch in seinem Rudel in Rumänien was zu sagen hatte, müssen wir auch ihm zeigen, dass wir nun diejenigen sind, die bestimmen, die für Sicherheit sorgen, dass er sich auf uns verlassen kann. Aber diesem Kameraden müssen wir von Anfang an sehr deutlich machen, was er darf und was nicht, wo Grenzen sind und dass wir entscheiden und nicht der Hund. Sehr oft kommt noch die Problematik dazu, dass so ein vermeintlich dominanter und forscher Hund, tief in seinem Herzen doch sehr unsicher ist. Wenn wir uns das bisherige Leben unserer Streuner bewusst machen, wo soll Souveränität und Sicherheit denn herkommen? Das ist bei diesen Hunden sehr selten, eher die Ausnahme – Jenny war so eine Ausnahme.

Ganz wichtig, von Anfang an klar und souverän führen, Sicherheit geben, nicht erst aufwachen, wenn sich bestimmte Verhaltensweisen bereits so gefestigt haben, dass das Zusammenleben immer schwieriger wird und oft kommt dann der Aufschrei, der Hund muss weg, wir kommen nicht mehr klar. Andere können dann wieder mit viel Mühe und Geduld versuchen aus so einem Hund wieder einen sozialen vierbeinigen Zeitgenossen zu machen, mit dem ein harmonisches Zusammenleben möglich ist.

Schon bevor das neue Familienmitglied einzieht, muss der Familienrat tagen und gemeinsam Regeln aufstellen, was der Hund darf und was er nicht darf. Alle müssen sich daran halten, Inkonsequenz verwirrt den Hund (wie auch Kinder). Jeder Hund bringt die Bereitschaft mit, sich seinem neuen Rudel anzuschließen zu wollen. Manche tun sich schwer, weil sie mit Menschen zu viele negative Erfahrungen gemacht haben. Dass diese Hunde deutlich zurückhaltenden sind, hat nichts damit zu tun, dass sie den Kontakt nicht wollen, sie haben einfach Angst und brauchen mehr Zeit. Ich begleite meinen Hund bei der Erkundung seines neuen Zuhause, entdecke gemeinsam mit ihm sein neues Leben, stehe ihm zur Seite, denn alles ist neu für ihn. Wir führen unseren Schützling liebevoll, geduldig aber immer konsequent! Sicherheit ist die Grundlage für ein vertrauensvolles Zusammenleben.

Der Hund hat einen festen Platz in unserem Wohnbereich, wo er sich immer zurückziehen kann, wo wir ihn auch hin schicken können, wenn er zur Ruhe kommen soll, wenn wir ihn aus einem lauten Umfeld, aus einer Stresssituation nehmen und dieser Platz ist für die Kinder der Familie tabu und für Fremde sowieso.

Jeder Auslandshund hat bisher vorwiegend mit anderen Hunden gelebt. Nun ist die neue Familie sein neues Rudel. Ein Rudel bedeutet Sicherheit und deshalb ist es ganz wichtig, dass der Hund engen Kontakt zum Rudel haben darf. Ein Hund muss nicht unbedingt ins Bett. Aber es wäre wichtig und schön für ihn, wenn er in direkter Nähe seiner Menschen schlafen dürfte und ein Körbchen neben dem Bett steht. Gerade ein jüngerer Hund würde sich sehr verlassen fühlen, wenn er alleine, z.B. in der Küche, wäre und die restliche Familie ist im oberen Stock. Alleine sein bedeutet nach seinem bisherigen Verständnis auch Gefahr. Wenn man den Hund in seiner unmittelbaren Umgebung hat, ist die Wahrscheinlichkeit auch deutlich geringer, dass er Unfug anstellt und vielleicht ein Kissen zerfetzt oder sonst was zerstört. Auch merkt man sofort, wenn der Hund unruhig wird und raus muss. Wenn man da gleich reagieren kann, was nur möglich ist, wenn man den Vierbeiner nahe bei sich hat, ist die Stubenreinheit schnell kein Thema mehr.

Nähe bedeutet Sicherheit und Vertrauen und ist die Grundlage für eine intensive und vertrauensvolle Mensch-Hund-Beziehung.

Darunter ist aber nicht zu verstehen, dass der Hund immer und überall dabei sein muss. Von Anfang an muss es normal für unser neues Familienmitglied sein, dass seine Menschen aus dem Zimmer gehen und auch wieder rein kommen, dass sie einkaufen gehen und es bleibt zurück. Kein großes Aufhebens machen, einfach gehen und genauso normal ohne großes Begrüßungsszenario wieder kommen. Die Situation des Kommens und Gehens dem Hund als etwas völlig Normales vermitteln.

Ganz wichtig, unser Hund muss genau wissen, was wir von ihm wollen und das bedeutet, wir müssen immer die gleichen Kommandos verwenden. Wir rufen nicht einmal „komm“, dann wieder „komm her“ oder „hierher“. „Hier“ bedeutet, der Hund hat direkt dicht bei seinem Menschen zu sein und dieses „hier“ ist in Stein gemeißelt und wird nicht in die unterschiedlichsten Formen abgewandelt. „Platz“ oder „Sitz“ und nicht einmal „setz dich“ oder „leg dich hin“ oder sonst was. Mehrere Begriffe für ein und dasselbe Kommando, verwirrt die Hunde, die verstehen nicht, was wir eigentlich von ihnen wollen und gerade unsichere Hunde werden dadurch noch mehr verunsichert. Auch muss ich ein gegebenes Kommando wieder „auflösen“. Habe ich meinen Hund gerufen und er ist bei mir, deutlich sagen, wie es jetzt weitergeht. „Bei Fuß“, er geht weiter neben mir her, „spielen gehen“ er darf wieder toben und erst dann geht es weiter. Nicht den Hund einfach „im Regen stehen lassen“.Auch ich habe diesen Fehler aus Unwissenheit gemacht und meine Milka hatte es in ihrer Anfangszeit nicht leicht mit mir.

Streuner haben eine sehr ausgeprägte Körpersprache. Diese Körpersprache ist vielen Rassehunden abhandengekommen, wurde weg gezüchtet, heutzutage sind oft andere Dinge gefragt, vorwiegend das äußere Erscheinungsbild. Der Hund drückt sich durch seine Körperhaltung, Ohren- und Schwanzstellung aus. Der Mensch maßt sich an, Ohren zu kupieren, Schwänze abzuschneiden, dem Hund Falten ins Gesicht zu züchten, die Atemwege so zu verkürzen, dass der Hund nur noch röchelnd unterwegs ist. Nicht nur, dass dadurch dem Hund die Kommunikationsmöglichkeit mit anderen Hunden genommen wird, sie werden auch von ihren Artgenossen oft vollkommen missverstanden. Bitte also nicht wundern und schon gar nicht schimpfen, wenn der Streuner mit manchen Rassehunden einfach nichts anfangen kann, ihnen ausweicht oder sie sogar anknurrt. Er versteht sie einfach nicht, reagiert dann unsicher und ein Hund hat eben nur bestimmte Möglichkeiten sich auszudrücken.

Viele Hunde sind auch sehr distanzlos. Ich selbst erlebe das in unserem Gassi-Gebiet vorwiegend bei Labbis, Goldies und Boxern. Die rennen hemmungslos auf mein Rudel zu, freuen sich ganz doll und fangen am besten gleich noch an meine Taschen zu durchsuchen, wenn ich das zuließe……. Abgesehen davon, dass es verantwortungslos von jedem Hundehalter ist, seinen Hund einfach unkontrolliert zu einem anderen Hund rennen zu lassen und bei einem Rudel kann das ganz schön gefährlich werden, ist dies auch kein „normales“ Verhalten von Hunden. Kein Streuner in Rumänien würde sich derart dreist und respektlos einem fremden Rudel nähern, es könnte tödlich für ihn enden. Also bitte keine unkontrollierten Hundekontakte bei fremden Hunden zulassen. Vor den eigenen Hund stellen und den anderen abwehren. Dem Halter deutlich machen, dass er seinen Hund zurückhalten soll. Läuft eine kontrollierte Begegnung der Hunde positiv ab, spricht nichts dagegen, dass die Hunde miteinander spielen. Bitte nicht an der Leine, das könnte kritisch werden. Die Hunde müssen immer die Möglichkeit haben sich auszuweichen und wenn sich die Leinen verwickeln würden, kann das, was so gut begonnen hat, böse enden.

Beim Gassi gehen, ist der Hund neben oder hinter Frauchen/Herrchen. Bitte nicht der Hund voraus, sein Mensch hängt dahinter an der Leine und der Hund zieht kreuz und quer, schnüffelt, wie es ihm gefällt und nimmt seinen Menschen kaum noch wahr. Der Hund muss nicht überall unbegrenzt schnüffeln. Auch hier gilt, der Mensch bestimmt, wo es lang geht, unterbindet auch, dass überall und unbegrenzt geschnüffelt und angepieselt wird und genauso, dass der Hund an der Leine zerrt. Hier bewährt sich eine Führung zusätzlich über ein Halsband. Welche Hunde tragen grundsätzlich ein Geschirr? Die Zug-/Schlittenhunde…… 🙂

„Aktives“ Gassi gehen macht jeden Spaziergang zu einem besonderen Erlebnis für Mensch und Hund und festigt die Bindung. Nicht nur den Feld- oder Waldweg entlang trotten. Dem Hund Aufgaben geben, etwas suchen oder über einen Baumstamm gehen lassen, Slalom um die Bäume gehen, wenn man zu zweit unterwegs ist, den Hund sein Frauchen, das sich versteckt hat, suchen lassen, das Spielzeug mitnehmen, apportieren üben, das geht auch prima mit der Schleppleine, mit „Leberwurstwasser oder Leckerchen eine Spur legen zu seinem Spielzeug und er muss suchen, im Garten unter Yoghurtbechern versteckte Leckerchen suchen lassen, es gibt so viele Möglichkeiten sich mit seinem Hund zu beschäftigen und der Hund lernt, dass es nichts Spannenderes gibt, als mit seinem Menschen zusammen zu sein. Solche Ablenkungsmanöver funktionieren auch ganz gut, wenn man den Hund in bestimmten Situationen ablenken will, wenn diese ihn stressen (z.B. Hundebegegnungen). Aber bitte nicht nur in der Stresssituation, sonst wird der Hund sofort aufmerksam, wenn ich anfange um die Bäume zu gehen und schaut sich erst recht nach dem „Objekt der Begierde“ um.

Zum Thema Leine…….. Bitte nur die normale kurze Leine oder eine Schleppleine. KEINE FLEXILEINE!!!! Bei einer Flexileine kann sich der Hund nie darauf einrichten, wie groß sein Spielraum ist, wann die Leine wieder mit einem „Klack“ einrastet, was jeden unsicheren Hund noch mehr verunsichert. Rutscht die Schleppleine dann noch durch irgendeinem blöden Zufall aus der Hand und das Teil „verfolgt“ den Hund laut klappernd, wird jeder Hund panisch und wenn es ganz schlimm kommt, läuft er blind davon und ist nicht mehr aufzuhalten. Bitte verwendet keine Flexileine, erspart das eurem Hund und euch!!!!

Sind die Hunde aus dem Ausland also wirklich anders?

Nein, das sind sie nicht! Sie sind einfach nur ursprünglicher, weil sie genau so leben, so leben müssen, um zu überleben. Unsere Hunde hier sind anders, weil ihnen die ursprüngliche Art als Hund zu leben, sich als solcher zu verhalten und entsprechend auszudrücken sehr oft abhandengekommen ist, weil sie nie auf sich allein gestellt leben und den harten Überlebenskampf führen mussten, weil sie nie Erfahrungen machen mussten, wie ein Hund, der ein öffentliches rumänisches Shelter hinter sich hat oder das Glück hatte, aus einer Tötungsstation befreit worden zu sein. Probleme gibt es, weil uns oft nicht bewusst ist, dass diese Hunde ein „ganz anderes“ Leben hinter sich haben, hier komplett neu anfangen müssen, und eben nicht dankbar sein können, weil sie alles verloren haben, sondern erst alles neu lernen und begreifen müssen, dass sie nun im „Paradies“ angekommen sind. Wir dürfen nicht erwarten, dass ein Hund sich in einer Situation sofort problemlos zurechtfindet, die er nie kennengelernt hat. Wir dürfen aber jeden Streuner bewundern, ihm Respekt zollen, denn die meisten schaffen diesen Neuanfang sehr schnell, wahrscheinlich schneller, als unsereins das je schaffen würde.

Also gilt, die Erwartungen nicht zu hoch schrauben, den Hund erst einmal ankommen lassen, da abholen, wo er steht und darauf aufbauen. Geduld ist oberstes Gebot, das Bemühen, die verschiedenen Situationen aus Sicht des Hundes zu bewerten ist unerlässlich und erleichtert das Zusammenleben, das gegenseitige Verständnis und das richtige Reagieren des Menschen und der Besuch einer guten Hundeschule nach angemessener Eingewöhnungszeit bringt Mensch und Hund weiter, macht Spaß und bringt schnellen Kontakt zu anderen „Hundemenschen“.

Immer wieder ist zu hören, wir würden unseren Streuner nicht mehr abgeben, aber wir würden auch keinen mehr aufnehmen. Nun ja, das muss jeder selbst entscheiden. Ich persönlich würde und werde mich immer wieder für einen Streuner entscheiden. Nicht nur das Wissen, dass ich einem Lebewesen, das in dem Land in dem es geboren wurde, nie eine Chance gehabt hätte, dass ich ihm eine Zukunft geben, überhaupt ein lebenswertes Leben schenken kann. Für mich ist es viel schöner, einen Hund zu haben, den ich begreifen muss, begreifen kann, von dem ich genauso lernen kann, wie er von mir lernen muss. Ich wollte keinen auf Bedarf und Äußerlichkeiten gezüchteten Hund haben. Der Weg war nicht immer leicht, weil auch ich sehr viel lernen musste, vor allem musste ich lernen, meine Hunde zu verstehen. Die Erziehung eines Streuners ist oft eine Herausforderung aber immer eine Herzensangelegenheit (aber ist das bei Kindern anders?).

Ich bin glücklich, mit meinem Streunerrudel leben zu dürfen und ich bin stolz und dankbar, dass sie mir ihr Vertrauen schenken. Viele Streuner hätten allen Grund um jeden Menschen einen großen Bogen zu machen, sich nie mehr auf eine Beziehung zu dieser Art von Lebewesen zuzulassen. Wie oft schäme ich mich, dieser Rasse anzugehören..


Heidrun, von euerem Streunerhoffnung-Team

 

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